Der Pilger Kamanita
Einst wanderte der Buddha im Lande Magadha von Ort zu Ort und kam nach Rajagaha. Der Tag ging schon zur Neige, als der Erhabene sich der Stadt der fünf Hügel näherte. Gleich dem Abglanz einer segnenden Götterhand breiteten sich die milden Strahlen der Sonne über die weite, mit grünen Reisfeldern und Wiesen bedeckte Ebene.
Beim ersten Hause, dessen Wand bläulich zwischen den Gartenbäumen hervorschimmerte, gedachte der Erhabene vorzusprechen. Wie er sich nun aber der Tür nähern wollte, wurde er ein Netz gewahr, das auf einen Ast gehängt war. Und der Erhabene schritt fürbass, das Haus des Vogelstellers verschmähend.
Ich heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im Süden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge.
An einem schönen Nachmittage begaben wir uns in einen öffentlichen Garten vor der Stadt - eine gar prächtige Anlage unmittelbar am hohen Ufer der Ganga mit schattigen Baumgruppen, großen Lotusteichen, Marmorhäuschen und Jasminlauben, wo zu dieser Tageszeit immer ein reges Treiben herrschte.
Da ich wußte, daß für mich doch nicht an Schlaf zu denken war, legte ich mich an diesem Abend gar nicht zu Bett, sondern setzte mich auf das zur Andacht bestimmte Graslager am Kopfende des Bettes, und brachte dort unter inbrünstigen Liebesbetrachtungen und im Gebet an die lotustragende Lakshmi, ihr himmlisches Urbild, in frommer und geziemender Weise die Nacht zu; aber die frühe Morgensonne fand mich wieder mit Pinsel und Farben an der Arbeit.
Als es nun völlig Nacht geworden war, begaben wir, Somadatta und ich, uns in dunkelfarbiger Kleidung, hoch aufgeschürzt, fest gegürtet und das Schwert in der Hand, nach der Westseite des palastartigen Hauses des reichen Goldschmiedes, wo sich die Terrasse über der steilen Felswand einer Schlucht befand.
Tief bewegt durch diese lebhafte Erinnerung, schwieg der Pilger eine kleine Weile. Dann seufzte er, strich sich mit der Hand über die Stirn und fuhr in seiner Erzählung fort.
Etwas außerhalb der östlichen Mauer Kosambis liegt ein schöner Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist.
Als ich das Dorf, wo meine Leute Nachtquartier bezogen hatten, wieder erreichte, zögerte ich nicht, diese zu wecken, und schon ein paar Stunden vor Sonnenaufgang war die Karawane unterwegs.
Also: Das 476. Sutram lautet: "Auch die göttliche, meint ihr? - Nein! - Unverantwortlichkeit - wegen des Raumes der Schrift, der Tradition."
Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen Mannes – dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis umsetzte – nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.
Ja, sie war es. Keine Möglichkeit, sich in diesen Zügen zu täuschen, – und doch ähnelten sie sich selber nicht, und ähnelten in der Tat nichts, das ich je gesehen hatte; in einem so namenlosen, übermenschlichen Jammer schienen sie versteinert zu sein.
So lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni. – Diese meine Vaterstadt, o Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende Lebensfreude als wegen ihrer glänzenden Paläste und prächtigen Tempel in ganz Indien berühmt.
Eines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergärtner, um zu erwägen, welche neue Verbesserungen anzubringen wären, als mein Vater auf seinem alten Esel in den Hof ritt.
So waren die Verhältnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines Vormittags in dem geräumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer befand, das ich zum Besorgen aller geschäftlichen Angelegenheiten benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgänge im Auge behalten zu können.
Halb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar.
Welch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Daß ich die Stimmen meiner Frauen nicht hörte –...
Als der Pilger Kamanita mit diesen Worten seine Erzählung zu Ende geführt hatte, schwieg er und sah sinnend in die Landschaft hinaus.
Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen Erwachte, hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.
Nachdem der Erhabene seine Belehrung also beschlossen hatte, blieb der Pilger Kamanita lange Zeit stumm und regungslos sitzen, in widerstreitenden und zweifelnden Gedanken befangen. Endlich sagte er: ...
Als der Erhabene beim ersten Morgengrauen erwachte, sah er, wie der Pilger Kamanita emsig seine Matte zusammenrollte, seine Kürbisflasche umhängte und sich nach dem Stabe umsah, den er nicht gleich in der Ecke bemerkte, weil er umgefallen war.
Als der Erhabene in der Halle des Hafners zu Rajagaha diese Worte sprach, erwachte der Pilger Kamanita im Paradiese des Westens.
Mit Verwunderung bemerkte Kamanita jetzt, wie eine nicht weit von ihm auf ihrer Lotusrose thronende weiße Gestalt plötzlich in die Höhe wuchs.
Kamanita folgte ihnen lange mit dem Blick und wunderte sich. Und dann wunderte er sich über sein Wundern.
Plötzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen aufsteigenden Schatten gewahr.
Als du, du mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage und Nächte elend dahin, wie es ein Mädchen tut, das vom schleichenden Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend Ängsten um den Geliebten schwebt.
Die ersten Stunden der Nacht verbrachte ich in dieser Zeit immer auf der Terrasse der Sorgenlosen, entweder allein oder mit Medini zusammen. An diesem Abend war ich allein da, was mir in meiner augenblicklichen Stimmung auch das liebste war.
Als Kamanita merkte, daß selbst hier, am Orte der Seligkeit, diese Erinnerungen die noch zarte, neuerwachte Seele der Geliebten wie mit dunklen Fittichen überschatteten, faßte er sie bei der Hand und führte sie weiter, indem er ihren gemeinsamen Flug nach jenem lieblichen Hügel richtete, auf dessen Abhang er kürzlich gelegen und dem Spiele der Schwebenden zugeschaut hatte.
Sie besuchten in der Tat nicht wieder jenes ungastliche Gestade der himmlischen Ganga.
"Gewiß sind wir so alt wie die Welt," sagte Kamanita. "Aber bisher sind wir immer ruhelos gewandert, und immer wieder hat uns der Tod in ein neues Leben gestürzt.
Als Satagira sein Ziel, mich als Frau zu besitzen, erreicht hatte, erkaltete seine Liebe schnell, um so mehr, als sie ja von meiner Seite keine Erwiderung fand.
Die ganze Nacht blieb ich auf der Terrasse, eine willenlose Beute der entfesselten, mir unbekannten Leidenschaften, die mit meinem Herzen ihr Spiel trieben wie Wirbelwinde mit einem Blatt.