| Aktualisiert am 2 Juni 2009 |
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Die spanische Immobilienkrise
Ein spanischer Europaabgeordneter und ein spanischer Gewerkschaftler diskutieren über die Ursachen und Folgen der geplatzen Immobilienblase in Spanien und die Konsequenzen für Europa.
die Dauer: 16 minuten
Wie kann Spanien der Immobilienkrise entfliehen? Kann die Regierung Zapatero die Wirtschaft wiederbeleben und die Fehler der Vergangenheit vermeiden? Die Europawahlen stehen kurz bevor. Was werden die wahlbestimmenden Themen sein in Spanien? "Europa in Aktion" hat die Antworten.
Hallo. Thema heute ist Spanien, das schwer getroffen wurde von der Wirtschaftskrise. Die Immobilienblase ist geplatzt. Im letzten Jahr wurde zuviel gebaut in Spanien: Die Neubauten an den Küsten entsprechen zwei Cheops-Pyramiden. Übrig geblieben sind nur Schulden. Jede Familie hatte 45% Schulden. Und dann ist das System geplatzt wie eine Luftblase. Über die derzeitige Lage in Spanien sprechen wir mit Íñigo Méndez de Vigo, MdEP und Mitglied der EVP, hallo.
Hallo.
Bei uns ist zudem Herr Paco Soriano von der Gewerkschaft "Comisiones Obreras".
Hallo. Beginnen wir bei Ihnen, Herr Méndez. Was ist passiert in Spanien? Wie konnte es dazu kommen?
Sie erwähnten den Grundstückmarkt mit Zweitwohnungen etc. Das ist nicht das Problem. Ich denke zwischen 1996 und 2004 wurde eine gute Politik gemacht, danach aber die falsche. Es ist wie mit der Ameise und dem Grashüpfer. Wir brauchen strukturelle Reformen und zukunftsträchtige Maßnahmen, die eine langfristige positive Wirkung entfalten. Die sozialdemokratische Regierung hat keine der notwendigen strukturellen Reformen implementiert. Die Immobilienblase hat diese Situation nicht verursacht, sie ist nur die Folge. Die Ursache ist das Fehlen notwendiger Strukturreformen.
Ich erinnere mich, dass Brüssel Madrid gewarnt hatte, dass die Dinge außer Kontrolle geraten würden, das war 1999-2000 unter Aznar. Bis 2008 gab es einen Immobilienboom, mehr oder weniger. Aber es fing schon vorher an.
Es begann viel früher, aber wir, die Popular-Regierung, machte Strukturreformen, was aber nicht wiederholt wurde. Der Immobilienboom ist eine Folge, nicht die Ursache. Einige sprachen von einem spanischen Wunder, das meiner Meinung nach nie existierte. Ich glaube an Wunder, aber nicht in diesem Fall. Man kann Wirtschafts- und Sozialpolitik machen, die richtig oder völlig falsch ist. Und wenn die Wirtschaftspolitik der Regierung nur von blindem Optimismus geleitet wird, dann vergisst man die Realität.
Reden wir darüber nach diesem Bericht aus Barcelona.
Dies sind Spaniens Geisterstädte, tausende Wohnungen stehen hier zum Verkauf. Sie machen die Krise nach dem Wirtschaftsboom sichtbar. Der Stillstand im Bausektor hat tausende Arbeitsplätze vernichtet. Letzte Woche verlor Roger seinen Job als Buchprüfer in einer Baufirma. Ein typischer Fall: Er hat zwei Kinde und muss eine Hypothek abbezahlen. Von nun an wird die Familie vom Gehalt seiner Frau abhängen.
Der Arbeitsmarkt stockt, es ist nicht einfach, einen neuen Job zu finden. Das ist meine größte Sorge. Ich kann so 3 oder 4 Monate durchhalten. Es ist machbar für eine Weile, aber der Wirtschaftsabschwung macht mir Sorgen, es wird nicht einfach sein, Arbeit zu finden.
Die Bekämpfung der Rezession war das Hauptthema dieser Bankerkonferenz in Barcelona. Jordi Gual, Chef-Ökonom der größten Sparkasse in Spanien findet, dass die Banken den Exzess gefördert haben.
Auch wenn die spanische Zentralbank allgemeine Regeln festlegte und die Banken dazu zwang, die Vergabe von Krediten zu reduzieren, war das nicht genug, um die Euphorie einzudämmen. Wir wussten damals, dass die Euphorie zu groß war, aber niemand wagte es, die Party zu verderben. Das wäre nicht sehr populär gewesen. Es ist leicht das jetzt zu sagen, aber damals hörte man das nicht gerne, dass es ein Ende haben müsse mit dieser Euphorie. Es schien, als ob es immer so weiter gehen würde, aber so war es nicht.
Nach Jahren extremen Konsums und Krediten für alle kam der Kater. Die Krise betrifft jeden: Immobilien- und Autohandel, den Konsum im allgemeinen.
Die Leute haben langsam genug, es dauert schon eine Weile an... Wenn ich mit ihnen rede, dann sehe ich überall Wut.
Ja, in der Tat, wir spüren die Folgen der Krise.
Der Verkauf sinkt, Verträge abzuschließen ist schwierig, die Verhandlungen mit Banken auch. Wir haben einige harte Jahre vor uns.
Wir wissen noch nicht, wem wir die Schuld geben sollen, es ist chaotisch, man weiß nicht, wer verantwortlich ist. Wir alle leiden in irgendeiner Form unter der Krise.
Die wirtschaftlichen Nöte verschlimmern das Misstrauen gegenüber Politikern noch. Besonders was junge Menschen angeht, die nicht viel mit Politik zu tun haben. Francesco Marc Álvaro ist Professor für Journalismus und Journalist und wird täglich mit mangelndem Interesse an Politik und den EU-Institutionen konfrontiert.
In Spanien, wie auch in anderen EU-Ländern, tendieren die jungen Leute dazu, nicht zurückzuschauen. Sie lernen nicht Geschichte, um die politischen Prozesse zu verstehen. Sie schätzen die spanische Demokratie oder den europäischen Rahmen nicht, genauso wenig wie das Rahmenwerk aus Fürsorge, Kohäsion und Fortschritt, das die EU bietet und das in der Welt einzigartig ist.
Diese multimediale Box im Zentrum Barcelonas soll die Bürger zum Wählen animieren. Umfragen sagen eine sehr niedrige Wahlbeteiligung für Juni voraus und Politiker versuchen, die Menschen mit ihren Botschaften zum Wählen zu bewegen.
Diese Krise hat unser Leben verändert und am 7. Juni haben wir die Möglichkeit, ein neues Governance-Paradigma für die EU und die Welt zu wählen.
Monica weiß, für welches Denkmuster sie steht. Sie will einen Job, der sich mit ihrem Familienleben vereinbaren lässt. Die Zeitschrift, für die sie arbeitete, verlor all ihre Werbekunden und sie ihren Job. Die Arbeitssuche ist eine anstrengende Angelegenheit.
Es gibt einige freie Stellen, aber mir bereitet Sorgen, dass es jedes Mal 500-700 Bewerber gibt. Man sendet seinen Lebenslauf und ist von Anfang an enttäuscht, frustriert.
Kurzfristig gesehen wird die Lage auf dem Arbeitsmarkt schwierig bleiben, die Arbeitslosenrate wird noch einige Monate ansteigen. Aber ich bin zuversichtlich was die Produktion in unserer Wirtschaft angeht.
Tausende Wohnungen finden keine Käufer. Immer mehr Arbeitslose können ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen, die sie während dem Bauboom aufgenommen haben.
Herr Soriano, die Situation ist nicht einfach. Können Sie uns sagen, wie es vor Ort aussieht? Ist es wirklich so schlimm?
Ja. Die Situation ist dramatisch, 4 Millionen Arbeitslose... In letzter Zeit hat kein EU-Land solche Zahlen erreicht. Viele Menschen und Familien leiden darunter. 1 Million Familien haben ihre Arbeitslosenunterstützung bereits ausgeschöpft. Die Lage ist ernst. Ich kann Iñigo nicht zustimmen, was die Ursachen der Situation angeht. Dieser Herr von der Sparkasse erklärt das sehr gut. Wenn er sagt, dass wir in einer Blase waren, die uns und die Regierungen vergiftete, angefangen mit der Aznar-Regierung und mit der Regierung von Zapatero ging es weiter. Vor 10 Jahren haben wir, die Gewerkschaften, gedacht, dass die Veränderung der Wirtschaftsstruktur des Landes absolut nötig war, da wir nicht ewig vom Bausektor und Dienstleistungen abhängen können. Wir haben Alternativen vorgeschlagen: Industrie, Forschung, etc. Aber wie er schon sagte: In den goldenen Jahren, als wir wie in Hollywood lebten, hat niemand zugehört oder Bescheidenheit gefordert.
War da nicht ein Mangel an Kontrolle? Es gab definitiv Missbrauch. Die Frage geht an Sie beide.
Nicht alle Banken sind gleich, einige haben zu viele Kredite vergeben, ermutigt von der Einführung des Euro und den niedrigen Zinssätzen, wahrscheinlich ohne Nachzudenken. Wie Sie schon erwähnten, Maria, wissen die internationalen und nationalen Institutionen am besten, wie der Wind weht. Die Gewerkschaften ebenso. Sie warnten uns, dass dies nicht für immer anhalten würde. Ich komme noch einmal auf die Fabel vom Grashüpfer zurück. Dem Grashüpfer wird gesagt, dass er nicht sein ganzes Leben lang singen können wird. Ich werfe der Regierung vor, dies nicht erkannt zu haben. Bei den letzten Wahlen, die sind noch gar nicht lange her, 2008, ließen wir sie wissen, dass sich ein Sturm zusammenbraut. Man bezeichnete uns als unpatriotisch.
Der Minister, der gerade zurückgetreten ist, Herr Solbes, wirbt für Nichteinmischung und die Selbstregulierung des Marktes. Die Regierung scheint verstanden zu haben. Sie kündigte Hilfen in Höhe von 14 Milliarden Euro für Unternehmen an. Reicht dieser letzte Plan der Regierung aus, um die Wirtschaft wiederzubeleben?
Für uns ist es wichtig, dass alle wirtschaftlichen und politischen Kräfte dieses Landes sich darauf einigen, das Land zusammen aus der Krise zu holen. Es ist schwierig, immer nur eine Seite zu kritisieren, einen Aspekt der Lage. Unsere Lage hat sich aufgrund der internationalen Krise verschlechtert. Wir müssen mit der internationalen Krise und der nationalen Krise umgehen. Es ist entscheidend, dass Spaniens politische und wirtschaftliche Akteure zusammenarbeiten, um Spanien aus der Krise zu holen. Es wäre eine gute Sache, wenn die EVP ihre Vorschläge dazu präsentieren würde.
Genau danach wollte ich fragen.
In den Medien wird vor allem Kritik geäußert, die Vorschläge gehen oft verloren, das ist sicher. Vor zwei Wochen hat Rajoy Vorschläge erarbeitet, insgesamt 10. Ich stimme Paco bei einer Sache zu, was den Pakt angeht. Aber nur wenn es ein echter Pakt ist und wir uns darauf einigen, zu kooperieren. Oft sucht diese Regierung nach Zustimmung für bereits getroffene Entscheidungen. Aber wenn man merkt, dass die Maßnahmen nicht die richtigen sind, und nicht in die richtige Richtung gehen, müssen wir das sagen. Erinnern Sie sich an den 400-Euro-Rabatt. Das war unklug. Ein großer Fehler. Ich stimme ihm zu, wir sind bereit, uns zu unterhalten, eine Einigung zu finden mit Sozialvertretern und Unternehmern. Aber die Einigung muss loyal sein. Schauen wir uns die Vorschläge gemeinsam an und dann sehen wir, was wir tun können. Aber die Regierung will nur, dass wir ihre Vorschläge unterstützen. Und wenn wir das nicht tun, dann nennt sie uns unpatriotisch.
Es ist normal, dass wir bestimmte Maßnahmen kritisieren. Den im letzten Jahr eingeführten Steuerrabatt lehnten wir ab: Ein Rabatt in Höhe von 400 Euro für die, die ihre Steuererklärung machen. Das ist eine Plünderung der Staatskasse, ohne dass es einem konkreten Plan zur Wiederbelebung dienen würde.
Die Wahl des Europäischen Parlaments steht bevor. Wird überhaupt über Europa geredet?
Ja, das ist ein wichtiges Thema. Ich bin kein Politiker, sondern Gewerkschaftler. Wir sind eine pro-europäische Gewerkschaft, wir haben stets für europäische Werte geworben. Und wir wollen diese weiterhin verteidigen. Mit dem Europäischen Gewerkschaftsbund und unseren Partnern. Wir wollen nicht, dass diese Kampagne dazu benutzt wird, die nationalen Konflikte zu lösen, sondern dass sich die Politik europäischen Themen annimmt. Wir wollen wissen, was die Sozialdemokraten über Europa denken, ob sie noch einmal etwas wie die Rückführungsrichtlinie unterstützen würden. Wir wollen wissen, ob die PP von einer Liberalisierung der Sozialpolitik absehen wird. Das wollen wir wissen.
Das Problem ist, dass nur wenige Leute wählen gehen werden. Die Politiker reden bewusst über alles, nur nicht über Europa. Themen wie eine weitere Amtszeit Barrosos als Kommissionspräsident: Man hört nichts darüber.
Ich denke schon.
Wird der Vertrag in kraft treten? Dieses Thema liegt Ihnen sehr am Herzen. Man hört nichts darüber.
Beides beantworte ich gerne. Sie sollten darüber sprechen, keine Frage. Aber das ist alles. Es ist ein nationales Thema, aber auch eine europäische Debatte. Der Vertrag von Lissabon ist ein europäisches und auch ein nationales Thema. Wie Paco schon sagte: Es ist wichtig, die Rückführungsrichtlinie zu diskutieren. Das ist ein EU-Thema, aber es betrifft Spanien. Die Richtlinie muss in Spanien umgesetzt und in nationales Recht umgewandelt werden. Wir müssen diese Debatte führen. Zum Beispiel über die 65-Stunden-Woche, das ist ein europäisches Thema. Aber Spanien ist davon betroffen und ich diskutiere jederzeit gerne darüber.
Junge Spanier haben das Gefühl, dass sie von Europa hintergangen wurden mit dem Bologna-Prozess bezüglich der akademischen Abschlüsse. Hatten sie recht mit ihren Demonstrationen?
Sie können gerne demonstrieren und ich respektiere das. Der Bildungsminister und ehemalige Rektor einer berühmten spanischen Universität hat recht, wenn er sagt, dass der Bologna-Prozess nur sehr schlecht erklärt worden ist. Bologna will die Dinge für die Studenten vereinfachen. Es geht darum, dass ein spanischer Abschluss in anderen Ländern anerkannt wird, wenn man im Ausland arbeiten will.
Damit die Studenten eines Landes überall in der EU arbeiten können. Bologna wird missverstanden. Aber es ist richtig, dass es mit ein paar Abschlüssen einige Probleme gibt. Unsere Rolle als Politiker ist es, Probleme zu lösen und den Bürgern Antworten zu geben.
Hatten die Studenten Angst, die Regierung wolle die Universitäten privatisieren?
Das hat nichts mit Bologna zu tun, das ist eine politische Entscheidung. Es hat nichts damit zu tun.
Vielen Dank.
Auf Wiedersehen.
Auf Wiedersehen.
Das war es für diese Woche. Auf Wiedersehen.
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